Woher kommst du?

Hinter jedem Menschen verbirgt sich eine eigene Lebensgeschichte. Besonders diejenigen, die bereits Flucht und Vertreibung erlebt haben, haben viel zu erzählen. Das Stadtarchiv hat in Zusammenarbeit mit der Universität Salzburg ein Migrationsarchiv geschaffen, wo diese Erzählungen gesammelt und bewahrt werden.

Als Ana Antić 1975 von Bosnien-Herzegowina nach Mittersill kam, war sie 16 Jahre alt. Sie beginnt als junges Mädchen bei der Firma Blizzard im Schichtbetrieb zu arbeiten. Ihren Mann, der ebenfalls aus Ex-Jugoslawien stammt, hat sie in Mittersill kennengelernt. 1980 kommt ihr Sohn Toni zur Welt. Entgegen der damals üblichen Vorgehensweise, schickt sie ihn nicht nach Jugoslawien, als sie Vollzeit arbeiten geht. Eine Bekannte wird zur „Leihoma“ und passt auf Toni auf. Anas Geschwister leben in Deutschland, Slowenien, Wien und in der Schweiz. Zuhause in Bosnien-Herzegowina ist niemand mehr.

Zuwanderung kennt viele Geschichten

Seit 2013 setzt sich die Stadt Salzburg gezielt mit dem Thema Zu- und Abwanderung und ihren vielen Formen und Ursachen auseinander. Um die Träger*innen und Akteur*innen von Migration sichtbar zu machen, wurde im Haus der Stadtgeschichte Österreichs erstes Migrationsarchiv geschaffen.

Ziel des Migrationsarchivs ist es, die „Normalität“ von Migration zu vermitteln und zu zeigen, dass es sich bei Migration keinesfalls um ein Phänomen der Gegenwart handelt.

„Auch die Migrationsgeschichten stellen eine Form von Wissen dar, dass durch das Archiv gespeichert und anderen weitergegeben wird. Dabei fassen wir den Begriff Migration sehr weit. Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf der Binnenwanderung innerhalb Salzburg, Österreich und Europa, auf der Arbeitsmigration nach Salzburg seit den 1960er Jahren und auf der Auswanderung aus Salzburg“, erklärt Sabine Veits-Falk, Projektleiterin des Migrationsarchivs Stadt Salzburg.

Interviewsituation im Haus der Stadtgeschichte (c) Stadtarchiv Salzburg

Großer Fundus an Quellen

Für das Migrationsarchiv erzählen Migrant*innen aus unterschiedlichen Herkunftsregionen ihre Geschichte und bringen persönliche Dokumente und Fotos mit. Neben diesen sozial-, kultur- und alltagsgeschichtlichen Zeugnissen stehen auch historische Quellen vor Ort zur Verfügung.

Viele der Interviews basieren auf den Ausstellungen, die es 2013, 2014 und 2016 am Makartsteg gab. Tafeln entlang der Fußgängerbrücke mitten in der Altstadt informierten zur Salzburger Migrationsgeschichte und erzählten von persönlichen Schicksalen. (2016: „50 Jahre Anwerbeabkommen mit Jugoslawien“, 2014: „Der kurze Blick zurück 1960 bis 1990“, 2013: „Der lange Blick zurück bis 1960“).

Sammlung Videohistory 

Erstmals wurden die Interviews auch filmisch begleitet. Im Rahmen der Lehrveranstaltung Dokumentarisch arbeiten mit audiovisuellen Medien haben Studierende der Fachbereiche Kommunikationswissenschaft und Geschichte im Wintersemester 2017/18 mit sechs Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern Interviews durchgeführt. Das Stadtarchiv hat die Daten übernommen, bearbeitet und im Migrationsarchiv erfasst. Die Sammlung ist nach Einzelpersonen aufgebaut, die entweder namentlich genannt oder anonymisiert als P bezeichnet werden. Die Sammlung Videohistory besteht aus einem kurzen Biogramm, Fotos und Interviewausschnitten sowie einem Zeitindex. Die Videos sind – je nach Einverständnis der betreffenden Personen – online abrufbar oder im Haus der Stadtgeschichte einsehbar.

Migrationsstadt Salzburg

Das Thema Migration ist tief in der Geschichte Salzburgs verankert. Fast alle Erzbischöfe waren Zuwanderer, selbst Salzburgs Landespatron, der Hl. Rupert, war ein fränkischer Adeliger, der in missionarischem Auftrag nach Salzburg kam. Ihr charakteristisches Aussehen verdankt die Altstadt italienischen Baumeistern und Architekten.

Zusammenarbeit mit der Uni Salzburg

Alles begann bei Lehrveranstaltungen an der Universität Salzburg zum Thema Migration. Dabei ist einiges an Material zusammengekommen. Um dies längerfristig zu sichern und dieses Wissen auch anderen zugänglich zu machen, wurde das Migrationsarchiv im Haus der Stadtgeschichte gegründet. Gleichzeitig sind die Migrationsbiografien online abrufbar, damit Interessierte darauf zugreifen können. „Seit je her ist die Menschheitsgeschichte eine Geschichte der Migration, der Bewegung von Zu- und Abwanderung von Menschen. Ob ökonomisch bedingt, ökologisch aufgrund des Klimawandels verursacht, gesellschaftlich-religiös erzwungen, von Diktaturen vertrieben oder geflüchtet – Migration war immer da und wird immer da sein solange es Menschen auf diesem Planeten gibt,“ so Sylvia Hahn, Historikerin und Vizerektorin der Universität Salzburg.

Die Arbeit am und mit dem Migrationsarchiv zeigt, dass Wanderbewegungen, Flucht und Vertreibung allgegenwärtig sind. Nicht zuletzt tragen Geschichten wie die von Ana Antić auch zum besseren Verständnis der Lebenssituationen von Migrant*innen im Hier und Jetzt bei.

Was ist Ihre persönliche Geschichte?

Das Stadtarchiv ist auf der Suche nach spannenden Migrationsgeschichten. Erzählen Sie Ihre!

Kontakt: Mag. Silvia Panzl-Schmoller, E-Mail: silvia.panzl-schmoller@stadt-salzburg.at