Während draußen die Hagelkörner des Sommergewitters auf den Asphalt knallen, tanzen bei unserem Interview mit Henrik Szanto die Wörter. Der Autor und Slam Poet ist halb Finne, halb Ungar und beeindruckt mit ganz viel Sprachkunst. Als H.C.-Artmann-Stipendiat arbeitet der Wahl-Wiener einen Monat lang in Salzburg. Mit im Gepäck ist sein neues Buch über die Sprache als Abenteuer. (Titelbild: Matthias Stehr)

Normalerweise absolviert Henrik Szanto bis zu 150 Auftritte pro Jahr. Das Corona-Jahr war auch für ihn kein leichtes, aber er fokussierte sich auf andere Arbeiten. Hier in Salzburg feilt er aktuell an drei Projekten.

Schwerpunkte Szantos Arbeit sind Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt. Wie ein Seismograph reagiert er auf gesellschaftliche Themen. „Ich bin kein Aktivist, hauptsächlich Schriftsteller“, stellt er klar. Dennoch greift der Autor in seiner Arbeit Themen auf, die die Gesellschaft und das alltägliche Leben betreffen. Er beschäftigt sich mit sprachlichen Vorurteilen, thematisiert Fluchtbewegung, Klimawandel, Menschenrechte, Akzeptanz, Integration und Rechte für LGBTIQ*. „Ich suche nicht nach Krawallen, sondern ich wähle einen empathischen Zugang, auch wenn viele Argumentationsvarianten im Kern überspitzt sind“, erklärt Henrik Szanto.

Szantos erste Sprachen waren Finnisch, Ungarisch und Englisch, die er bis heute fließend spricht. Erst mit sieben Jahren hat er Deutsch gelernt. Mit seinem großen Sprachenschatz spielt er auch in seinen Werken. Seit 2018 integriert er finnische und ungarische Ausdrücke und Eigenheiten in seine Texte und bringt damit das Publikum zum Lachen. Was für deutschsprachige Ohren amüsant klingt, ist für ihn völlig normal. Dennoch hat er ein Gespür dafür, was die Leute gerne hören. Er liebt das Bildhafte einer Sprache, besonders im Finnischen, und wundert sich über so manche deutsche Idiome wie Das Auge isst mit.

Texten zwischen Rhythmik und Pointe

Ob ein Text für die Bühne geeignet ist oder doch besser zwischen Buchdeckeln passt, steht von Anfang an fest. „Ich schreibe anlassbezogen und entscheide vorher, ob es ein gesprochener Text wird oder ein geschriebener. Ich schreibe keine Lyrik im klassischen Sinne. In meinen Texten finden sich einzelne gedichtete, metrische Passagen“, so Szanto über seine Arbeitsweise.

Texte, die aufgeführt werden, unterscheiden sich aber deutlich: „Texte für den Auftritt müssen eine wechselnde Rhythmik haben und einen gewissen Effekt beim Publikum hervorrufen. Bei Prosa geht es mehr darum, die passende Pointe zu finden.“ Neben seinen eigenen Projekten realisiert Henrik Szanto auch Auftragsarbeiten für Literatur- und Kultureinrichtungen. Vereinzelt arbeitet er auch mit Unternehmen zusammen.

Roman als Pandemie-Projekt

Vor kurzem hat er seinen Roman vollendet. Die Idee zum Buch gibt es seit 2016, doch erst seit 2019 arbeitete er intensiver daran. Besonders im vergangenen Jahr hat er die Zeit dafür gefunden. Den Roman bezeichnet Szanto schmunzelnd als sein Pandemie-Projekt. „Das Buch zählt zur Belletristik und handelt von Erinnerungskultur, aber nicht auf dem ersten Blick. Es geht um Einschnitte im Leben und eine Reise auf den Spuren einer Person. Mehr möchte ich noch nicht verraten. Außerdem recherchiere ich hier in Salzburg für meinen nächsten Roman“, so der Schriftsteller.

Auftritte als Lernerlebnisse

Wer Szanto schon einmal bei einer Performance auf der Bühne gesehen hat, kann kaum glauben, dass er das erst seit einigen Jahren macht. 2012 hat er die Slam-Szene kennengelernt und angefangen Texte dafür zu verfassen. Mit der Zeit gewinne man Vortragssicherheit und lerne die Stimme zu modellieren, erklärt der Poet, der sich privat nicht gerne im Rampenlicht sieht.

Poetry Slams sind sehr niederschwellige Formate, bei denen die Bühne allen offensteht. Es sei auch ok zu scheitern, es gehe vielmehr darum einfach aufzutreten, andere kennenzulernen. „Der Auftritt ist ein gemeinschaftliches Lernerlebnis. Du wächst mit deinen Aufgaben – ob es jetzt ein Slam im Jugendzentrum ist oder im Burgtheater“, resümiert Szanto.

Interview SIR

Henrik Szantos Buch “Entscheidungen und die Äxte, mit denen wir sie fällen” ist 2021 beim Lektora Verlag erschienen.

Drei Fragen an Henrik Szanto

Stehst du lieber auf der Bühne oder schreibst du lieber?

Ich schreibe lieber als ich performe. Man mag es nicht glauben, aber privat bin ich ein eher zurückhaltender, schüchterner Mensch. Sobald ich in eine Rolle oder Funktion schlüpfe, kann ich das aber ablegen.

Mit deinem Bühnen-Partner Jonas Scheiner bist du 2018 österreichischer Meister und deutschsprachiger Vizemeister geworden. Man kennt euch unter dem Namen Kirmes Hanoi. Wie gestalten sich diese Auftritte im Team?

Auftritte im Team sind dynamischer und auch physisch anstrengender. Mit Jonas stehe ich schon länger gemeinsam auf der Bühne. Das funktioniert auch nur, weil wir uns wirklich gut kennen. So gesehen, trete ich lieber im Team auf, aber nur ab und zu. [lacht] Ein Auftritt im Team muss sehr genau geplant werden. In den Texten schwingt auch immer die Inszenierung mit. Timing ist alles, wir müssen völlig synchron sprechen, jede Silbe gleich betonen. Ein gemeinsamer Auftritt ist sehr schwierig und eine echte Höchstleistung.

Du hältst auch Workshops mit Jugendlichen zum Thema kreatives Schreiben, Poetry Slams und Vortragssicherheit. Was möchtest du den Jungen weitergeben?

Ich lege Wert darauf, den Jugendlichen einen Zugang zu ihrer eigenen Sprache zu geben. Anders als im Schulkontext muss das nicht immer Deutsch sein. Sie sollen in der Sprache schreiben, in der sie sich ausdrücken können. Oft werde ich gefragt: „Dürfen auch schlimme Wörter vorkommen?“ Dann antworte ich „Na klar, hau rein!“

Ich habe im letzten Jahr auch einige Online-Workshops mit Schulklassen gemacht. Für viele Teenager war die Sprache eine Ablenkungsmöglichkeit und eine Gelegenheit, ihre eigene Situation im Lockdown zu reflektieren. In der Pandemie hat das Schreiben fast etwas Kathartisches. Es eröffnet einen Zugang in die Innenwelt der Jugendlichen. Dabei ist es wichtig, ihnen zu vermitteln, dass ihre Beiträge wichtig, wertvoll und spannend sind. Daraus sind beeindruckende Texte entstanden.

 

SIR Henrik Szanto

Henrik Szanto ist Slam Poet, Autor, Moderator und Kulturveranstalter. (c) Matthias Stehr

Zur Person

Nach idyllischen Kindertagen zwischen Birkenwäldern und Seen in Finnland wuchs Henrik Szanto in Frankfurt und einem Dorf in Unterfranken auf. Deutsch hat der halb Finne, halb Ungar erst mit sieben Jahren gelernt. Schon lange verarbeitet Szanto Alltagserfahrungen in Texten. Schon mit 15 Jahren schrieb er ernsthaft und hegte den Wunsch eines Tages Schriftsteller zu werden.

Seit 2011 lebt Szanto in Wien, ein Jahr lang studierte er Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Auf Empfehlung einer Studienkollegin ist er zum Poetry Slam gekommen und lernte damit eine für ihn völlig neue Art des Schreibens kennen. Seit 2012 verfasst er Werke für die Bühne und tritt alleine oder gemeinsam mit anderen auf. Heute ist er Slam Poet, Autor, Moderator und Kulturveranstalter. Er ist Mitbegründer des Kulturvereins FOMP (Fear of Missing Poetry), der regelmäßig Veranstaltungen und Workshops für performte Literatur organisiert.

Szantos Themen sind Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt. Er spielt mit Finnisch und Ungarisch und begeistert dadurch seine deutschsprachigen Zuhörer*innen und Leser*innen. 2021 ist sein Buch Entscheidungen und die Äxte, mit denen wir sie fällen – zwölf Texte zu Finnland, Ungarn, Mehrsprachigkeit und Herkunft – im Lektora Verlag erschienen. Darin gibt er nicht nur Alltagsbeobachtungen und Persönliches, sondern auch viel Wissenswertes über Sprache, Linguistik, Phonetik, Landeskuriositäten und Geschichte.[1]

[1] Henrik Szanto hat ein Faible für Fußnoten und es zahlt sich aus, diese zu lesen.