„Hast du die Leidenschaft?“ Diese Frage stellt Yener Bayramoglu allen, die eine wissenschaftliche Karriere einschlagen wollen. Es braucht Geduld, Durchhaltevermögen und eine große Passion, denn eine wissenschaftliche Laufbahn kann ein langwieriger Weg sein. Dennoch kann sich Bayramoglu keinen anderen vorstellen. Der junge Kommunikationswissenschaftler aus Berlin mit türkischen Wurzeln ist der aktuelle Scientist in Residence in der Wissensstadt Salzburg.

Dass Yener Bayramoglu in die Forschung gegangen ist, ist für ihn ganz selbstverständlich. „Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte“, gesteht der Kommunikationswissenschaftler, „Ich genieße es zu lesen, zu recherchieren und zu forschen, ich liebe es mich intensiv mit einer Fragestellung auseinanderzusetzen. Wenn ich an einem Thema arbeite, dann fühlt es sich für mich auch nicht wie Arbeit an.“

Vor neun Jahren ist Yener Bayramoglu nach seinem Bachelor- und Masterstudium in Istanbul nach Berlin gekommen. Deutsch hat er bereits in der Schule gelernt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt er sich intensiv mit Gender Studies, im Besonderen mit Queer Studies. Dabei wird untersucht wie Identitäten durch soziale und kulturelle Prozesse konstruiert werden und welche Effekte dadurch ausgelöst werden. „Wissenschaft ist immer auch politisch“, sagt der Forscher, der sich auch mit queerem Aktionismus auseinandersetzt und hinterfragt, wie dieser in autoritären Zeiten existieren kann.

Queere Migration als persönliches Forschungsinteresse

Inspiriert von seinem eigenen Umfeld widmet Bayramoglu sich in seiner Forschung auch queeren Migrant*innen. Denn: „LSBTIQ+[1] kennen nicht nur Homophobie, sie werden auch mit Rassismus konfrontiert. Dieser Aspekt wird in der Forschung bisher noch sehr wenig beachtet“. Generell findet er, dass Queer-Forschung in vielen Disziplinen zu wenig Beachtung findet.

Durch die Tatsache, dass Bayramoglu Türke ist, erhält seine Arbeit zusätzliche Brisanz. In seinem Heimatland wäre eine Forschung, wie er sie aktuell in Deutschland macht, nicht möglich. „Das Thema würde nicht ernst genommen werden und es würde daher auch keine Finanzierung zustande kommen“, erzählt er.

Queere (Un-)Sichtbarkeiten

Für seine Dissertation hat er die Repräsentationen von queeren Personen in türkischen und deutschen Boulevardmedien verglichen. Dabei hat er festgestellt, dass es keine großen Unterschiede zwischen den beiden Ländern gibt. „Der Boulevard hat seit jeher ein großes Interesse an allem Normabweichenden, durch die Präsentation von queeren Personen in den Medien entsteht aber auch wieder eine gewisse Normalisierung“, berichtet Bayramoglu von seinen Ergebnissen, die auch als Buch erschienen sind.

Im Februar hat ihn seine Forschungsreise nach Salzburg geführt, wo er sich mit den Gender-Expert*innen am gendup der Uni Salzburg austauscht. Yener Bayramoglu verbringt viel Zeit in der Bibliothek im Unipark, wo er an seinem nächsten Vortrag arbeitet, den er demnächst in New York halten wird. Auch wegen besonderer Gelegenheiten wie dieser, liebt er seine Arbeit.

 

[1] Unter der Abkürzung LSBTIQ+ werden lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen zusammengefasst. Der Stern * am Ende soll darauf hinweisen, dass manche Menschen ihre Geschlechtsidentität nicht ausschließlich auf einen Begriff festlegen.

 

 

Drei Fragen an Yener Bayramoglu

An der Alice Salomon Hochschule arbeiten Sie am Projekt CILIA-LGBTIQ+. Was wird dabei untersucht?

In vier Regionen Europas – Schottland, England, Deutschland und Portugal – werden Ungleichheitserfahrungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter* und Queer untersucht. Ziel ist es, zu erforschen, wie Lebensverläufe von LSBTIQ+ durch Diskriminierung beeinflusst werden. Es werden je zwanzig Interviews mit Jugendlichen, Menschen im Erwachsenenalter und älteren Personen geführt. Die Ergebnisse werden zeigen, welche Auswirkungen Diskriminierung auf die unterschiedlichen Lebensphasen hat. Außerdem wird man sehen, wie Diskriminierung Biographien und Entscheidungen einer Person beeinflusst und welche Rolle der Zeitpunkt im Leben spielt. Besonders spannend ist das im Regionenvergleich.

Wie haben Sie vom Gender Studies-Stipendium in Salzburg erfahren?

Ich wurde eingeladen, mich auf das Stipendium zu bewerben und habe sofort die Chance ergriffen. Ich finde es super, mich hier zu vernetzen und mit anderen Kolleg*innen auszutauschen. Die Residency könnte auch länger dauern, ich fühle mich sehr wohl hier.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem gendup an der Uni Salzburg?

Ich durfte bereits am 5. März einen Vortrag im Rahmen des Gender Forschungstags halten. Das gendup hilft mir, in Salzburg neue Kontakte zu knüpfen. Ich habe bereits viele Kolleg*innen vom Fachbereich Kommunikationswissenschaft kennengelernt, woraus sich wieder neue Kooperationen ergeben. Im November werde ich wieder nach Salzburg kommen, ich bin zu einem Vortrag eingeladen.

 

Wissensstadt Salzburg SIR

Yener Bayramoglu (c) Wissensstadt Salzburg/Kraxberger

Zur Person

Yener Bayramoglu wurde 1984 in Istanbul geboren, wo er Medien- und Kommunikationswissenschaft studierte. Er promovierte an der Freien Universität Berlin, heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alice Salomon Hochschule. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen queere Medienforschung, Cultural Studies, Migration, Temporalitäten und die Geschichte der Sexualität in der Türkei und Deutschland. Bayramoglu ist Autor des Buchs „Queere (Un-)Sichtbarkeiten“. Demnächst fliegt er nach New York, wo er bei der Konferenz „Sexuality and Borders“ einen Vortrag über die türkische Gesundheitspolitik während der Aidskrise der 1980er Jahre hält.

 

 

 

 

Micaela Latini ist die erste Literaturwissenschaftlerin und die erste Italienerin, die je das Robert-Jungk-Stipendium erhalten hat. Zwei Monate verbrachte sie in Salzburg und begab sich auf eine besondere Spurensuche. Anfang Jänner präsentierte sie die Ergebnisse ihres Forschungsaufenthalts in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen.

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Moderne Lyriker*innen verhelfen der Dichtung zu neuer Geltung. So auch Sandra Hubinger. Die H. C.-Artmann-Stipendiatin arbeitet gerade im Rahmen des Scientist-in-Residence-Programms in der Wissensstadt Salzburg an ihrem zweiten Buch. Im Interview erzählt sie, worin der Reiz der Lyrik liegt und wo sie ihre Inspiration findet. Weiterlesen

Wo die einen nur eine Ansammlung von Tabellen, Spalten und Zahlen sehen, entstehen für andere Bilder. So auch für Alexander Klettner, er studiert im dritten Semester Data Science an der Universität Salzburg. Im Datendickicht behält er den Überblick, wie er kürzlich bei seinem Praktikum bei der Stadt Salzburg bewiesen hat. Aus unübersichtlichen Datensätzen hat er anschauliche Grafiken und Diagramme gemacht.

„Wer hat Angst vor deutscher Literatur?“ lautet der Titel eines Germanistik-Seminars an der Uni in São Paulo. Mariana Holms bestimmt nicht. Die Studentin aus der brasilianischen Metropole ist die aktuelle Stefan-Zweig-Stipendiatin in der Wissensstadt Salzburg. Hier forscht sie für ihre Masterarbeit.

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Mit Gewalt und Konflikten beschäftigt sich Thomas Roithner, der aktuelle Robert-Jungk-Stipendiat in der Wissensstadt Salzburg. Der Friedensforscher arbeitet noch bis Jänner in der Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ). Im Interview erzählt er über das große Thema Frieden und über seine Zeit in Salzburg, eine Stadt mit großem Wohlfühlpotential.

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Seit Anfang September streift Bogdan Coșa durch Salzburg. Der H.C.-Artmann-Stipendiat aus Rumänien beobachtet die Stadt, die Menschen und die Natur. Jede Wahrnehmung fließt in seine Texte – egal ob jetzt oder später. Die Wissensstadt ist für ihn voll mit neuen Ideen.

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Fünf Wochen lang arbeitete der Data-Science-Student Martin Huf in der Stadt-Statistik und erstellte im Rahmen seines Pflichtpraktikums einen Bericht über die Bevölkerungsentwicklung der vergangenen drei Jahre in der Stadt Salzburg. Das Studium Data Science ist einzigartig in Österreich und vermittelt den Studierenden das nötige Werkzeug für die Arbeit mit „Big Data“.

Die Germanistin Olena Byelozyorova aus der Ukraine ist derzeit als Stefan Zweig Stipendiatin in Salzburg. Die 37-jährige Dozentin der Fakultät für Fremdsprachen der Charkiwer Nationalen W. N. Karasin-Universität bleibt bis Ende Juni in der Wissensstadt, um zu forschen und sich zu vernetzten.

Seit 10. Mai ist die Wissenschaftlerin aus der Ostukraine in Salzburg und recherchiert am Stefan Zweig Centre und an der Universität Salzburg. Kollegen haben ihr empfohlen, sich für das Stipendium zu bewerben. Seither genießt die Sprachwissenschaftlerin jeden Tag in der Wissensstadt Salzburg.

Ein Stück Österreich in der Ukraine

Neben ihrer Tätigkeit an der Universität ist Olena Byelozyorova wissenschaftliche Betreuerin der Österreich Bibliothek in Charkiw in der Ostukraine. Dort sind über 5.000 Bücher, doch die Bibliothek ist auch ein Ort des Austauschs und der Vernetzung. Mit Seminaren, Workshops und weiteren Fortbildungsangeboten wird die Bibliothek zum Treffpunkt der österreichischen und deutschsprachigen Community.

Generell gibt es in der Ukraine eine große deutschsprachige Gemeinschaft. „Heuer wurde das ‚Jahr der deutschen Sprache‘ ausgerufen“, sagt die Germanistin. Und jedes Jahr gibt es in fünf ukrainischen Städten die österreichische Filmwoche, die vom österreichischen Kulturforum in Kiew und der ÖAD Kooperationsstelle organisiert wird.

Liebe für den österreichischen Dialekt

„Ich mag die österreichischen Ausdrücke sehr, denn sie klingen so schön musikalisch, wie zum Beispiel Marille“, gerät Olena Byelozyorova ins Schwärmen. Eine Leidenschaft, die sie auch gerne an ihre Studentinnen und Studenten weitergibt. „Mir ist es auch wichtig, sie für den österreichischen Dialekt zu sensibilisieren. Das ist eine wahre Bereicherung für die Sprache.“ Auch kulinarisch hat sie eine Vorliebe für Österreich, besonders der Tafelspitz hat es ihr angetan.

Bei dieser Liebe für alles Österreichische darf die Kaffeehauskultur nicht fehlen. Erstmals sitzt sie bei unserem Gespräch im Café Tomaselli und ist beeindruckt von diesem Ambiente. „Man zahlt nur einen Kaffee, bekommt aber viel mehr“, ist Olena Byelozyorova begeistert.

In Salzburg schätzt sie vor allem die Fußläufigkeit, anders als in Charkiw (1,5 Millionen EinwohnerInnen), wo sie täglich eine Stunde in der U-Bahn sitzt. „Generell ist hier alles so gut organisiert“, lobt Byelozyorova. „Egal ob in der Innenstadt oder auf der Uni – man findet sich rasch zurecht.“

„Es gibt eine beeindruckende Palette an kulturellen Angeboten“, erzählt Byelozyorova, nachdem sie bereits einige Lesungen, Buchpräsentationen besucht hat. Außerdem schätzt sie die Kontraste in der Stadt. „Das Getümmel in der Altstadt und im Vergleich dazu den ruhigen Kapuzinerberg. Salzburg ist zwar klein, aber sehr reich an Eindrücken. Ich entdecke täglich etwas Neues.“

 

Vier Fragen an Olena Byelozyorova

Welches Ziel verfolgen Sie während Ihrer Zeit in Salzburg?

Ich recherchiere viel in der Bibliothek im Unipark zu meiner Habilitation zum Thema „Implizite Sprechakte im deutschsprachigen Diskurs: pragmatische und kognitive Analysen am Beispiel des Sprechaktes der Andeutung“. Dabei geht es vor allem darum, verbale Tabus aufzudecken. Ich habe schon meine Dissertation zu diesem Thema geschrieben, für die Habilitation habe ich es um den Aspekt der Interkulturalität erweitert.

Was interessiert Sie dabei besonders?

Ich interessiere mich besonders für die Andeutung in der Sprache, also das was nicht direkt ausgesprochen wird. Besonders spannend ist hier der interkulturelle Aspekt. Tabus unterscheiden sich je nach Kultur und können zum Beispiel Tod, Geld, Sex oder Religion sein.

Wie kann Ihnen der Aufenthalt in Salzburg für die Österreich Bibliothek helfen?

Ich suche ständig nach Inspiration für meine Arbeit in der Österreich Bibliothek. Hier ist man einfach näher dran. Ich bekomme Empfehlungen für Buchbestellungen, habe einen Überblick über Neuerscheinungen, wie zum Beispiel die Bachmann Edition. Da kann ich viel mitnehmen.

Was nehmen Sie von Salzburg mit nach Hause?

Ich schätze vor allem die schöne Bibliothek im Unipark, es gibt so viele Quellen, man kann dort den ganzen Tag verbringen. Ganz besonders ist auch die aktive Literaturszene in Salzburg und die netten KollegInnen im Stefan Zweig Centre. Ich nehme viel im Herzen mit nach Hause.

 

 

Olena Byelozyorova (c) Wissensstadt Salzburg/Kraxberger

Zur Person

Die deutsche Sprache begleitet Olena Byelozyorova schon lange. Bereits in der Schule hat sie Deutsch gelernt und später auch studiert. 1980 in Charkiw geboren, lehrt und forscht sie an der dortigen Universität. Zu ihren Schwerpunkten zählen Pragmatik, kognitive Linguistik, österreichische Literatur, Übersetzungstheorie und Methodik/Didaktik des DaF-Unterrichts. In Salzburg sammelt sie alle Eindrücke und zieht sich gerne zum Nachdenken und Reflektieren in den Dom zurück. Dort genießt sie die Stille, den Weihrauchgeruch und das Kerzenlicht. „Es ist fast wie eine Meditation“, erzählt sie, „außerdem kann man gut der Hitze entfliehen“.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Tulay Atay-Avsar sprüht vor Elan und Wissensdurst. Als aktuelle Scientist in Residence in der Wissensstadt widmet sie sich einem nicht alltäglichen Thema.

Salzburg sei besonders, es vereine ein Dorf mitten in einer Stadt, schwärmt die Kommunikationswissenschaftlerin aus der Türkei. Gekommen ist sie vor mehr als einem Monat. Touristin war sie nie, mittlerweile fühlt sie sich wie eine Einheimische. Die 48-jährige Türkin verbrachte die letzten sechs Wochen als Scientist in Residence in der Wissensstadt Salzburg. Ihr Stipendium führte sie ans gendup – Zentrum für Gender Studies und Frauenförderung der Universität Salzburg, wo sie an ihrem Forschungsgebiet, der medialen Darstellung von Frauen, arbeitete. Ende März hielt sie einen Vortrag („Being co-wife in the Eye of Media“), über die Wahrnehmung von syrischen Flüchtlingen als Zweitfrauen in der Türkei, ein Thema, dem in Zentraleuropa noch sehr wenig Beachtung geschenkt wird. Tulay Atay-Avsar, Kommunikationswissenschaftlerin und Kulturanthropologin, lehrt und forscht in den Bereichen Gender Studies sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Mustafa Kemal Universität in Antakya im Osten der Türkei.

Die multikulturelle Musikliebhaberin

Wie es der Zufall so will, führt sie ihr Forschungsaufenthalt genau zur Zeit der Osterfestspiele nach Salzburg, die heuer zum 50-Jahr-Jubiläum ihren Gründer Herbert von Karajan ehren. Bei Karajan kommt auch Tulay Atay-Avsar ins Schwärmen: „Als ich ein Kind war, gab es sonntags auf dem einzigen Radiosender den wir hatten, immer klassische Musik zu hören. Herbert von Karajan war eine Art Held für mich und ich verehre ihn bis heute.“

Interdisziplinär ist nicht nur ihre Arbeit, auch als Person ist Tulay Atay-Avsar ein Energiebündel und verbindet unterschiedliche Perspektiven. „Ich vereine Ost und West in einen Topf“, lacht die engagierte Wissenschaftlerin, denn Auslandserfahrungen hat Atay-Avsar in ihrem Leben schon viele gesammelt. Als junge Frau verbrachte sie ein Jahr als Au Pair Mädchen bei einer jüdischen Familie in London. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen und blieb weitere eineinhalb Jahre in der englischen Metropole. Ihm folgte sie mehrfach ins Ausland, in die USA und Großbritannien. Doch immer führte ihr Weg wieder in die Türkei zurück. Diese verschiedenen Kulturen haben sie maßgeblich beeinflusst und geprägt.

Engagiertes Netzwerken als Verpflichtung

Eine befreundete Professorin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg hat Tulay Atay-Avsar auf das Stipendium aufmerksam gemacht. Sie hat nicht gezögert und sich sofort beworben. „Es ist wichtig, sich immer wieder Auszeiten zu gönnen, Neues kennenzulernen und sich so weiterzuentwickeln. Persönlich wie auch beruflich“, ist Atay-Avsar überzeugt. An ihrer Erfahrung und ihrem Wissen lässt sie gerne andere teilhaben. Sie sieht es als ihre Aufgabe und Verpflichtung andere Frauen zu fördern und zu unterstützen. Das macht sie auch in ihrer Rolle als stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Frauen-Netzwerk der European Communication Research and Education Association (ECREA), einer europäischen kommunikationswissenschaftlichen Forschungsvereinigung.

„Wissenschaft ist immer noch sehr männlich dominiert, auch in Europa, aber besonders in der Türkei.“ Es ist ein ständiger Kampf um Anerkennung, dennoch ist sie nicht müde ihn zu kämpfen. Gleichzeitig möchte sie junge Frauen bestärken und ermutigen ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Auch wenn der Weg nicht immer einfach ist, hat sie sich ihren starken Willen und ihr fröhliches Gemüt bewahrt. Entschlossen plant sie neue Buchpublikationen, Forschungsprojekte und die Teilnahme an Kongressen im Ausland.

„Aufenthalte wie hier in Salzburg füllen mein Konto auf“, erzählt Tulay Atay-Avsar und tippt sich dabei lachend auf die Stirn. „Da drinnen ist meine Bank.“ Von Salzburg geht es für sie weiter in einen ganz anderen Teil der Welt – nach Malaysia. „Aber auch dort bin ich keine Touristin“, betont sie, auch dort ist sie um zu arbeiten. Zumindest hofft sie dort auf besseres Wetter.

 

Drei Fragen an Tulay Atay-Avsar

Die Universität in Antakya wurde 1992 gegründet. Eine im Vergleich zu Salzburg sehr junge Universität (Gründung der PLUS 1622). Haben Sie diesen Unterschied wahrgenommen?

Die Unterschiede merkt man sehr deutlich. Ich habe an der Universität in Istanbul studiert, eine der ältesten Universitäten der Welt. Die türkische Regierung hat in den vergangenen Jahrzehnten viele staatliche Universitäten errichtet, häufig in eher abgelegenen Gegenden. Das bringt einerseits den Vorteil, dass viele junge Menschen aus ländlichen Regionen nun Zugang zu Hochschulbildung haben. Andererseits bemerkt man, dass Forschung und Lehre noch nicht so ausgereift sind wie in älteren Universitäten. Hier in Salzburg habe ich ausgezeichnete Bedingungen vorgefunden.

Was haben Sie in den vergangenen Wochen in Salzburg gemacht?

In Salzburg habe ich bekannte Wissenschaftlerinnen wiedergesehen und viele neue Kontakte geknüpft. Neben meinem Vortrag im gendup, haben mich Kolleginnen in ihre Lehrveranstaltungen eingeladen. Ich habe ein Seminar und Vorträge gehalten und mit den Studierenden diskutiert. Die Zeit habe ich aber auch für weitere Aufenthalte in Europa genutzt. Ich verbrachte einige Tage auf Konferenzen und Tagungen in Madrid, Ljubljana und Wien, hielt Gastvorträge und war zu Diskussionsveranstaltungen eingeladen. Dieser Austausch mit anderen WissenschaftlerInnen ist enorm wichtig für mich und ich bin dankbar für diese Möglichkeit.

Was bedeutet dieser Austausch für Sie?

Netzwerken nährt mich. Es entfacht neue Ideen und stärkt zugleich die wissenschaftliche Gemeinschaft. Ich beobachte ständig neue Kulturen und andere Menschen, denn daraus kann man nur lernen und gewinnen.

 

Tulay Atay-Avsar (c) privat

Zur Person

Tulay Atay-Avsar lehrt und forscht seit 2004 an der Mustafa Kemal Universität in Antakya, nahe der syrischen Grenze, wo sie seit 1998 lebt. Sie studierte Kommunikationswissenschaft, Kulturanthropologie, Gender Studies und Gesang in Istanbul. Neben ihrer wissenschaftlichen Karriere war sie auch einige Jahre in der Wirtschaft tätig. Singen und klassische Musik sind nach wie vor ihre großen Leidenschaften. Das Gesangs-Studium hat sie zwar nicht abgeschlossen, singt aber seit jeher in einem A cappella Chor. Atay-Avsar ist Mutter einer 15-jährigen Tochter.