Martina Fladerer ist Musikpädagogin, Musikvermittlerin und freischaffende Musikerin. Aktuell ist sie Dissertantin am Doktoratskolleg „Die Künste und ihre öffentliche Wirkung: Dynamiken des Wandels“ an der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst. In ihrer Forschung will sie einen neuen Musikbegriff definieren, der Musik als Zusammenspiel vieler Akteur*innen versteht. Bei einem Gespräch an der Salzach spricht sie mit uns über die Vermittlung von Musik und erklärt, warum wir alle Musicker sind.

Mit zehn Jahren hat Martina Fladerer den Entschluss gefasst, Klarinette zu lernen. Bis heute hat sie eine starke Verbindung zu der schlanken Röhre aus Holz. „Die Klarinette ist ein sehr schönes Instrument. Durch die Tonlöcher spürt man beim Spielen die Vibrationen. Von der Blasmusik bis hin zum Jazz – die Klarinette ist auch wahnsinnig vielseitig“, schwärmt die Forscherin und Musikerin.

Ihre Liebe zum Instrument gibt sie auch an andere weiter. Als Musikvermittlerin und Pädagogin, will sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Freude an der Musik und am Tun mitgeben. Drei Jahre lang hat die Wissenschaftlerin während ihres Studiums als Klarinettenlehrerin in Nürnberg unterrichtet. „In einer Musikschule geht es stark um Leistungsüberprüfungen und Abzeichen. Die Gleichung lautet Erfolg = Leistung. Außerhalb von solchen Institutionen lässt es sich oft viel freier mit Kindern arbeiten. So entstehen wunderbare Dinge, ohne sie vorher festzulegen oder zu planen“, vergleicht Fladerer ihre Tätigkeit an der Musikschule und als Musikvermittlerin beim Tiroler Festival für Neue Musik „Klangspuren“.

Kunstvermittlung als Dialog

Grundsätzlich vertritt Fladerer die Ansicht, dass Talent nicht entscheidend ist, um ein Musikinstrument zu erlernen: „Als Musikpädagogin möchte ich zu jedem*r Schüler*in den richtigen Zugang finden. Fällt es einem Kind schwer den Rhythmus zu klatschen, fehlt es oft an einem Gefühl für den eigenen Körper. Die einen brauchen zum Lernen rationale Erklärungen, bei anderen muss man mehr mit Bildern arbeiten.“

Den Zweck der Musik- und Kunstvermittlung sieht Fladerer weniger darin, ein gut gemeintes, eindimensionales Angebot für sogenannte bildungsferne Zielgruppen anzubieten, um der Überalterung des Konzertpublikums entgegenzuwirken. Vielmehr sollen Impulse der Gruppe aufgegriffen und damit gearbeitet werden. „Vermittlung soll aufzeigen, dass Kunst für alle da ist. In den Prozess bringt jede Person ihre eigenen Erfahrungen ein, wodurch wieder neue Formate entstehen. Kunstvermittlung ist immer auch ein Angebot zum Dialog, eine Anstiftung zum Hören, Imaginieren, Spüren und gemeinsamen Tun“, führt die Musikerin aus.

Musick als Gemeinschaftsaktivität

Auch in ihrer Forschung dreht sich bei Martina Fladerer alles um die Musik. Nur ein geringer Teil der Menschen bezeichnet sich als musikalisch bzw. kreativ. Zwar hören quasi alle Erwachsenen Musik, nur mehr wenige musizieren aber selbst. Diesem Verständnis von Musik will Fladerer mit ihrer Dissertation widersprechen. Sie stützt sich stattdessen auf den Begriff Musicking (ein Kunstbegriff, abgeleitet vom Verb to music) des Musiklehrers, Chorleiters und Komponisten Christopher Small. „Musicking meint Musik weder als Kunstform noch als Objekt, sondern versteht Musik als Tun, als eine inkludierende und vielfältige Praxis. Es ist ein komplexes Beziehungsgeflecht von Menschen, die ihren Teil zum Akt des Musickings beitragen. Insofern sind Bühnenarbeiter*innen, Ticketverkäufer*innen, aber auch Zuhörer*innen im Publikum Musicker“, erklärt die Dissertantin.

In ihrer Doktorarbeit will Martina Fladerer ebendiese Verbindungen zwischen Publikum, Künstler*innen sowie Mitarbeiter*innen vor und hinter den Bühnen aufzeigen. Und wer weiß, vielleicht werden dadurch auch einige Menschen motiviert, mehr zu singen oder ein Instrument zu lernen. Dafür sei es nämlich nie zu spät, weiß Fladerer.

 

Die Studierenden des Doktoratskollegs „Die Künste und ihre öffentliche Wirkung: Dynamiken des Wandels“ an der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst haben wir vor Kurzem kennengelernt. Zum Interview.

 

Drei Fragen an Martina Fladerer

Kinder singen und tanzen völlig ungezwungen. Verlieren wir diese Lust an Musik, Rhythmus und Bewegung im Laufe des Lebens?

Von Erwachsenen hört man oft, dass sie nicht singen können, kein Instrument spielen oder keine Noten lesen können – sie verbinden also Musik mit bestimmten Voraussetzungen, Kompetenzen und Anforderungen. Stattdessen sollte Musik ein inkludierender Begriff sein, der viele Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Auch Hören kann musizieren sein. Es braucht einen neuen Begriff, der nicht wertend, sondern deskriptiv ist.

Sind wir alle Musicker?

Ich würde sagen ja. Wenn wir ein Instrument spielen oder singen, aber man darf auch einfach dasitzen und zuhören – das ist es, was unter dem Begriff Musicking verstanden wird. In der Praxis bedeutet das auch, dass nicht nur die Sänger*innen auf der Bühne zu Musick beitragen, sondern auch die Mitarbeiter*innen aus dem Ticketverkauf oder der Buchhaltung. Musicking ist eine verwobene, vernetzte Tätigkeit. Der Musikologe Thomas Turino unterscheidet zwischen Presentational Music, also Musik, die von Profis aufgeführt wird, und Participatory Music, die entsteht, wenn Musik eine soziale Funktion erfüllt und Nicht-Profis gemeinsam singen, musizieren und improvisieren. Die Idee des Genies ist damit überholt. Musik wird zum Erfolg, wenn alle mitmachen können. Insofern praktizieren wir in unserem Alltag alle Musick.

Im praktischen Teil deiner Arbeit suchst du auch Kontakt zum Personal von Kulturinstitutionen. Was interessiert dich hier besonders?

Mich interessiert, wie das nicht-künstlerische Personal von Kulturinstitutionen seinen Beitrag zu einer Aufführung einschätzt. Damit meine ich vor allem die Mitarbeiter*innen, die abseits oder hinter den Bühnen tätig sind. Das können Portiere, Bühnenarbeiter*innen, kaufmännische Mitarbeiter*innen oder das Personal an der Kassa sein. Ich möchte sie bitten ihre Arbeit zu dokumentieren (via Ton, Video, Bilder), daraus kann auch eine Ausstellung, eine performativen Sammlung, entstehen.

 

Martina Fladerer

Die Musikerin, Kunstvermittlerin, Musikpädagogin und Forscherin Martina Fladerer.

Zur Person

Seit Kindertagen ist die Klarinette Martina Fladerers Begleiterin. Ihr Interesse für das Instrument weckte der Film Jenseits der Stille. Das deutsche Filmdrama aus dem Jahr 1996 erzählt die Geschichte eines Mädchens, Tochter gehörloser Eltern, dem die Musik eine neue Welt eröffnet, die ihre Eltern nicht nachvollziehen können. Ein weiterer Auslöser war die Klarinette spielende 12-jährige Tochter von Freunden ihrer Eltern. Die dynamische Musikerin und Forscherin möchte so viel wie möglich ausprobieren. Ihre berufliche Zukunft sieht sie irgendwo zwischen Wissenschaft und Kultur. Die gesetzten Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur stören Martina Fladerer schon lange. Ihre eigene Biographie ist geprägt von einer Mischung aus niederschwelliger Musik und Hochkultur, immerhin führte ihr Weg von der Augsburger Blasmusik bis an die Uni Mozarteum.

Zunächst studierte sie Kultur und Wirtschaft mit den Fächern Germanistik und BWL an der Universität Mannheim. An der Hochschule für Musik in Nürnberg und an der Universität Mozarteum absolvierte sie ihr musikpädagogisches Studium im Fach Klarinette. Aktuell ist sie Dissertantin am Doktoratskolleg „Die Künste und ihre öffentliche Wirkung: Dynamiken des Wandels“ an der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst. In den letzten Jahren war sie als Theaterpädagogin und in der Operndirektion am Landestheater tätig. Außerdem ist sie Musikvermittlerin, Musikpädagogin und freie Musikerin. Als Lehrerin an einer Musikschule in Nürnberg hat sie Schüler*innen zwischen zehn und 60 Jahren die Liebe zur Musik weitergegeben. Sie ist davon überzeugt, dass jede*r ein Instrument erlernen kann, es muss nur richtig vermittelt werden.