Moderne Lyriker*innen verhelfen der Dichtung zu neuer Geltung. So auch Sandra Hubinger. Die H. C.-Artmann-Stipendiatin arbeitet gerade im Rahmen des Scientist-in-Residence-Programms in der Wissensstadt Salzburg an ihrem zweiten Buch. Im Interview erzählt sie, worin der Reiz der Lyrik liegt und wo sie ihre Inspiration findet.

„Oft ist es ein Wort, ein Satzfragment oder ein Gedanke, den ich schon länger mit mir herumtrage“, beschreibt Sandra Hubinger, den Anstoß zu einem Gedicht. Besonders faszinieren sie das Spiel mit der Sprache und die poetischen Bilder, die daraus entstehen.

Die Inspiration liegt auf der Straße

Sandra Hubinger ist eine Beobachterin. Noch bis Anfang November streift sie durch Salzburg. Inspiration findet sie im Alltäglichen, aber auch bei kulturellen Veranstaltungen. Auch Salzburg hat sie schon zum Schreiben beflügelt, konkret eine Installation in der Ausstellung der ägyptisch-kanadischen Künstlerin Anna Boghiguian im Museum der Moderne Rupertinum.

Sie ist keine Neue in Salzburg, sondern eine Wiederkehrende. An der Universität hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Heute sieht sie, die mittlerweile in Wien lebt, die Stadt mit anderen Augen. Sie genießt die Gemütlichkeit und die Nähe zur Natur. Im Gegensatz zu anderen Städten herrscht in Salzburg keine Anonymität.

Verdichtung der Sprache

Der Wunsch zu schreiben war schon früh da. Zur Lyrik war es ein längerer Weg, der über viele Umwege verlief. Heute ist sie glücklich, dass sie dort angekommen ist. Sandra Hubinger ist eine Sprachkünstlerin. Aus ihren Erfahrungen formt sie behutsam Worte. Die Autorin jongliert nicht mit aufgeblähten Formulierungen, sie überlegt genau. Sie verdichtet Erlebtes in Wörter und komprimiert Beobachtungen in Verse. Daraus entstehen ihre Gedichte. „Beim Schreiben eines Gedichts gibt es nichts Beliebiges, es ist Präzisionsarbeit“, stellt Hubinger fest, „jedes Wort ist wichtig, ebenso Klang und Rhythmus.“

Beim Gedichteschreiben hat sie einerseits eine große Freiheit, gleichzeitig verlangt es ein hohes Maß an Präzision. Der Reiz der Lyrik liegt für Sandra Hubinger darin, freies und präzises Arbeiten zu kombinieren. Ihre Werke sind in Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen. Ihr erster Gedichtband heißt Kaum Gewicht und Rückenwind (Edition Art Science 2016).

Lyrik verlangt Aufmerksamkeit

Auch wenn die Lyrik derzeit wieder mehr Beachtung findet, führt sie nach wie vor ein Nischendasein. Aber in der Nische ist es auch sehr lebendig. Lyrik offenbart sich den Leser*innen nicht auf den ersten Blick. Sie fordert Aufmerksamkeit und aktive Auseinandersetzung. „Menschen, die gerne Lyrik lesen, bringen die Bereitschaft mit, sich auf etwas einzulassen, das sich einem nicht sofort erschließt.  Die Vielschichtigkeit des Textes verlangt den Leser*innen auch etwas ab“, beschreibt Hubinger die Herausforderung. „Dafür wird man aber auch belohnt mit der Intensität, die ein Gedicht erzeugen kann.“

Auch wenn Lyrik keine Massen anzieht, es gibt sie doch, die Gedichtliebhaber*innen. Bei Hubingers Lesungen findet sich ein diverses Publikum. „Es kommen andere Autor*innen, ältere Personen, aber auch Studierende“, berichtet Hubinger, die auch selbst immer wieder Lesungen von Kolleg*innen besucht.

Austausch und Dialog mit anderen Künstler*innen

Die deutschsprachigen Lyriker*innen sind gut vernetzt. Initiativen, wie Lyriktreffen oder Lesebühnen, schaffen dafür gute Plattformen. „Schreiben ist eine einsame Arbeit“, erzählt Hubinger. Umso mehr schätzt sie auch den Austausch mit anderen. „Es ist bereichernd mit Kunstschaffenden in Dialog zu treten und an gemeinsamen Projekten zu arbeiten – egal, ob aus der Literatur, Musik oder Bildenden Kunst.“

In ihrer Freizeit liest Sandra Hubinger viel Lyrik und englischsprachige Romane. Für Bücher, die Eindruck hinterlassen haben, hat sie einen besonderen Platz in ihrem Bücherregal. Dort stehen neben Anweisungen für eine Himmelsbestattung von John Burnside auch Werke von Margaret Atwood, die selbst die Lyrikerin mit ihren poetischen Bildern beeindrucken.

 

Drei Fragen an Sandra Hubinger

Warum haben Sie sich für das H.C.-Artmann-Stipendium beworben? 

Heuer richtete sich die Ausschreibung ausdrücklich an deutschsprachige Lyriker*innen. Das ist eher selten und so habe ich mich sofort beworben. Es war einfach der richtige Zeitpunkt und Salzburg auch der richtige Ort. Die Zusage zum Stipendium kam einen Tag nach meinem Geburtstag, das war wie ein verspätetes Geburtstagsgeschenk.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Salzburg?

Ich besuche viele Lesungen dort, das Programm ist sehr vielseitig. Das Literaturhaus ist für mich eine Anlaufstelle, um Kontakte zu knüpfen – einerseits mit den Vereinen im Haus, andererseits mit anderen Literaturschaffenden. Für nächstes Jahr habe ich eine Einladung bekommen bei einem Kunstprojekt mitzuarbeiten. Es dreht sich um Lyrik und Musik.

An welchem Projekt arbeiten Sie während Ihrer Zeit in Salzburg? 

Das Manuskript meines zweiten Buches ist schon weit fortgeschritten. Hier in Salzburg gebe ich dem Gedichtband noch den letzten Feinschliff. Die einzelnen Kapitel widmen sich je unterschiedlichen Schwerpunkten, die Perspektive ist jeweils leicht verändert. Anders als z.B. bei einem Roman, kann man bei Lyrik schwerer einen Einblick in den Inhalt geben. Es geht um feine, subtile Inhalte. Themen und Motive wie Landschaft, Natur, Kindheit, Erinnern, Wachsen und Vergehen, werden in den Gedichten variiert. Das Buch soll Ende 2019 erscheinen.

 

Wissensstadt SIR

Sandra Hubinger

Zur Person

Seit 2004 wohnt Sandra Hubinger in Wien, wo sie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst studierte. Sie arbeitete bei mehreren sozialen Einrichtungen als Deutsch-Trainerin und Buchhändlerin. Auch fürs Theater hat sie bereits geschrieben. Das hat sie jedoch ruhend gestellt, sie konzentriert sich derzeit auf ihr neues Buch. Nach ihrem Studium in Salzburg verbrachte die Autorin ein Jahr in der bretonischen Kleinstadt Rennes. Seither hegt die Autorin eine Liebe für den Norden, ihre Reisen führen sie immer wieder in die skandinavischen Länder. Im Sommer flieht sie gerne vor der Großstadt zu ihrer Familie aufs Land nach Oberösterreich.