Weiß Jonas Drechsel die nächsten Lottozahlen oder kann er sagen, ab wann die Corona-Krise zu Ende sein wird? Nein. Den der Wahl-Berliner beschäftigt sich mit möglichen Zukünften und will Irritationen auslösen, um Verhalten zu ändern. Als Scientist in Residence arbeitete er dazu in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ).

Als Zukunftsforscher analysiert Jonas Drechsel Zukunftsbilder. Er behält die aktuelle gesellschaftliche, politische, ökonomische, technische und ökologische Gegenwart im Blick und leitet daraus mögliche Entwicklungen ab. Denn die Art und Weise, wie wir heute leben, beeinflusst die Gesellschaft auch künftig.

„Zukunftsforschung ist keine reine Bestandsaufnahme, sondern regt Diskussionen an und zeigt neue Perspektiven auf. Zukunft verstehe ich als einen Wechsel von was zu wie, wie wir eigentlich denken, wie wir etwas machen“, erklärt Drechsel. Für die Expert*innen beginnt Zukunft dort, wo Strategie endet, ab einem Zeitraum von ungefähr fünf Jahren. Drechsel spricht sich eher dafür aus, die Zeit auszuhebeln und versteht Zukunft als einen teilbewussten Akt, den auch wir mit unserem Verhalten prägen.

Konzepte für Weltverbesser*innen

In seiner Masterarbeit für das Studium Zukunftsforschung an der FU Berlin hat Jonas Drechsel eine Theorie der Zukunftsgestaltung entwickelt. Für das online Kommunikations-Tool Miro hat er eine Vorlage kreiert, die allen kostenlos zur Verfügung steht. Miro ermöglicht es Teams, ortsunabhängig zusammenzuarbeiten und eignet sich für Brainstorming, Projektmanagement und strategische Planung.

Hier geht’s zum kostenlosen Download des Miro Boards.

„Die Vorlage soll helfen, sich mit der weiteren Entwicklung auseinanderzusetzen – egal, ob Menschen aus den Bereichen Beratung, Design Thinking, Moderation, Wissenschaft oder Gründer*in eines Social Startups, der Zugang soll allen offen stehen“, erzählt Drechsel über seine Intention.

Darauf basierend hat Jonas Drechsel ein Kartenspiel erdacht, das Hilfestellung für Entwicklungsprozesse geben soll. „Die Karten sind ein Mix aus nützlichen Informationen und einfachen Zielfragen, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt. Die Fragen sollen Pikser im Alltag sein und durch Irritationen Denkanstöße auslösen“, erklärt der Zukunftsforscher.

Aktives Gestalten statt unseriösem Blick in die Glaskugel

Allzu optimistischen Prognosen auf die Zukunft und der Vision einer besseren Welt als scheinbar feststehender Entwicklungspfad kann Jonas Drechsel ebenso nichts abgewinnen wie hoffnungslosen Untergangsszenarien. „Natürlich bieten zuversichtliche Versprechen einen Hoffnungsschimmer und geben Trost in schwierigen Zeiten, dennoch sind sie wissenschaftlich unhaltbar. Jede Krise stellt Fragen und zwingt uns dazu, Neues auszuprobieren. Ich will die Leute zum Handeln bringen, indem sie sich selbst in Frage stellen und ihr Verhalten überdenken“, so der Wissenschaftler.

Krisen haben das Potenzial, aus einem Zwang heraus falsche Glaubenssätze zu korrigieren und auf diese Weise aufzuzeigen, was (noch) alles möglich ist. Für den Forscher steht jedenfalls fest: Die Zukunft ist offen, denn wir haben sie, zumindest teilweise, in der Hand.

Jonas Drechsel spricht mit Stefan Wally, Leiter der JBZ, über sein Forschungsprojekt “Möglichkeiten als Bedingung für andere, utopische Zukünfte”. Zum Video.

 

Drei Fragen an Jonas Drechsel

Wie arbeitet ein Zukunftsforscher?

Ich beobachte genau, was in der Welt passiert. Danach schaue ich welche Themen, Signale oder Trends lassen sich daraus ableiten und wie werden sich diese weiterentwickeln. So ein Thema kann zum Beispiel Veganismus lauten, das ist ein Trend, der nicht mehr zu ignorieren ist. Darauf reagiert auch die Lebensmittelindustrie, sogar traditionelle Wursthersteller bauen eine vegane Produktpalette auf und sind dadurch erfolgreich. Zukunftsforscher geben Anstöße, damit Institutionen und Unternehmen handlungsfähig bleiben.

Wie haben Sie Ihre Zeit an der JBZ genutzt?

Die Robert-Jungk-Bibliothek hat mich mit Lesestoff versorgt. Ich habe in den letzten Wochen zehn Bücher gelesen. Mit den Kolleg*innen der JBZ habe ich die Themen meiner Masterarbeit noch einmal besprochen, mir neue Anregungen geholt und viel weitergedacht. Dank des Stipendiums und vielleicht auch dank des Lockdowns hatte ich genug Zeit tiefer in die Themen einzutauchen.

Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns in Salzburg verbracht?

Den Lockdown in einer fremden Stadt alleine in einer Wohnung zu verbringen, ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Auch wenn vieles online stattfindet, so fehlt doch der Kontakt zu echten Menschen. Ich habe Salzburg spazierend erkundet, doch ich merke schon, dass aufgrund der Schließungen von Lokalen und vieler Einrichtungen die Atmosphäre fehlt.

 

 

Porträt SIR Jonas Drechsel

Der Zukunftsforscher Jonas Drechsel. (c) privat

Zur Person

Jonas Drechsel stammt ursprünglich aus dem Allgäu. Nach Abschluss seines BWL-Bachelorstudiums in Kempten war er reif für die Großstadt. Wegen des Lebens, wie er es formuliert, zog er vor acht Jahren nach Berlin und folgte damit seinem großen Bruder. Nach einigen selbständigen Tätigkeiten startete er das Masterstudium Zukunftsforschung an der FU Berlin. Währenddessen hat er für einige Social Impact Startups gearbeitet, die stark auf Nachhaltigkeit setzen. Für eine Sache zu arbeiten, die die Welt besser und nicht schlechter macht, ist für ihn besonders wichtig. Anfang November, nach Abgabe seiner Masterarbeit, kam er nach Salzburg und verbrachte hier die vergangenen Wochen. Trotz Lockdown schätzt er den Austausch mit den Kolleg*innen in der JBZ und tüftelt hier weiter an seinen Ideen. Noch vor Weihnachten geht es für ihn zurück nach Deutschland, wo er sich im neuen Jahr um eine Promotionsstelle bewerben möchte.