Isolde Schiffermüller ist nach Salzburg gekommen, um hier in noch unbekannten Manuskripten und Typoskripten von Stefan Zweig zu recherchieren und eine Auswahl für ihr nächstes Forschungsprojekt zu treffen. Als Veroneserin mit Tiroler Wurzeln liegt ihr die Vermittlung Zweigs nach Italien am Herzen. Was sie zu finden hofft, hat uns die Stefan-Zweig-Stipendiatin bei Kipferl und Tee erzählt. 

„Ich bin mittlerweile schon so lange in Italien, dass ich mich als Italienerin fühle“, gesteht Isolde Schiffermüller. Seit Jahrzehnten wohnt die gebürtige Innsbruckerin in Venetien. Der Liebe wegen hat sie Österreich verlassen, aus beruflichen Gründen ist sie in Italien geblieben. Diese beiden Seelen trägt sie auch heute noch in ihrer Brust. An der Universität Verona hat sie einen der wenigen Lehrstühle für österreichische Literatur inne.

Zweigs (kultur-)politische Schriften neu interpretieren

Während ihrer Zeit als Stefan-Zweig-Stipendiatin in der Wissensstadt Salzburg taucht Schiffermüller tief in die Texte des österreichischen Autors ein. „Wir arbeiten an einem internationalen Forschungsprojekt zu den kulturpolitischen und politischen Schriften von Stefan Zweig“, erklärt Isolde Schiffermüller.

Obwohl Zweig als unpolitischer Autor gilt, verfasste er noch 1914 kriegsapologetische Artikel, wendete sich aber schon 1916 dem Pazifismus zu und verbreitete in seinen Schriften die Idee des europäischen Humanismus. Dieses Spannungsverhältnis interessiert die Wissenschaftlerin besonders. In ihrer Recherche stößt sie auf Aussagen Zweigs, die auch heute noch aktuell sind: „Stefan Zweig hat Europa nicht nur als wirtschaftlichen Zusammenschluss, sondern vor allem auch als geistige Einheit gesehen.“

Der unbekannte Zweig

„Mein Ziel in Salzburg ist es, eine Auswahl an Schriften zu treffen, die wir anschließend analysieren und untersuchen. Dabei arbeiten wir mit einem Team von jungen Forscher*innen zusammen. Es soll eine repräsentative Anthologie mit einem umfassenden Kommentar entstehen“, so die Germanistin über ihr Projekt.

Ziel der Forschung ist es, die Denkweise und Rhetorik Zweigs sowie den Stil der Schriften zu verstehen und ins Italienische zu transportieren. „Wir vermitteln Zweig nach Italien“, erklärt die Germanistin. „Das ist auch notwendig, denn der Autor ist – obwohl er Italien sehr verherrlichte – dort noch viel zu wenig bekannt.“

In Salzburg arbeitet Isolde Schiffermüller im Literaturarchiv, wo sich seit 2014 der Teilnachlass von Zweig, etliche Manuskripte und Typoskripte, befinden. „Dort recherchiere ich und finde immer wieder Unbekanntes. Mit Arturo Larcati, dem Leiter des Stefan Zweig Zentrums und meinem Kollegen an der Uni Verona, bespreche ich die Textauswahl“, sagt Schiffermüller über ihre Vorgehensweise.

Es ist ihr zweiter Forschungsaufenthalt in Salzburg, schon 2015 war sie als Stipendiatin zu Gast. Damals recherchierte sie für die Bachmann-Edition in den Briefen, Texten und Traumprotokollen der Autorin. Die Vermittlung nach Italien stand dabei nicht so stark im Fokus wie jetzt. „Ingeborg Bachmann ist in Italien sehr bekannt, sie lebte jahrelang in Rom, und wird heute noch viel gelesen“, erzählt Schiffermüller.

 

 

Vier Fragen an Isolde Schiffermüller

Warum haben Sie sich dazu entschieden, sich nochmals für das Stipendium zu bewerben?

Nach meinem Forschungsaufenthalt in Salzburg zu Ingeborg Bachmann, dreht sich jetzt alles um Stefan Zweig. In Salzburg gibt es mit dem Literaturarchiv und dem Stefan Zweig Centre tolle Einrichtungen. Es ist schon besonders, hier in den originalen Notizen von Zweig zu blättern und immer wieder Neues zu finden.

Welche österreichischen Autor*innen möchten Sie Ihren italienischen Studierenden näherbringen?

Ich habe einen Lehrstuhl für österreichische Literatur, was ein wahres Privileg ist. In der heutigen Zeit wird vermehrt in neue Technologien investiert, weniger in Geisteswissenschaften. Umso mehr freut es mich, dass ich junge Menschen für die österreichische Literatur begeistern kann. Ungefähr hundert Bachelorstudierenden bringe ich jedes Jahr Autor*innen der Wiener Moderne näher: Hofmannsthal, Schnitzler, Musil, Trakl. Die Studierenden sind sehr interessiert, mein Unterricht findet nur auf Deutsch statt.

Haben Sie eine/n österreichische/n Lieblingsautor/in?  

Ich liebe Georg Trakl und seine visionäre Dichtung, aber auch Kafka, Rilke und Stifter.

Die Städte Salzburg und Verona sind sich sehr ähnlich. Was schätzen Sie an Salzburg?

Salzburg ist eine Stadt, in der sich Norden und Süden verbinden. Für mich ist der Aufenthalt in Salzburg eine verschobene Rückkehr. Seit ich 20 Jahre alt bin, lebe ich in Italien und fühle mich auch als Italienerin. Innsbruck ist meine Heimatstadt, wo ich auch Familie habe, aber mit Salzburg verbindet mich meine berufliche Tätigkeit. Die Stadt ist mir fremd und vertraut zugleich. Salzburg, wie auch Verona, sind zwei sehr museale Städte, man spürt förmlich die Geschichte.

 

Wissensstadt Salzburg SIR

Isolde Schiffermüller (c) Wissensstadt Salzburg/Kraxberger

Zur Person

Isolde Schiffermüller studierte an der Universität Innsbruck Germanistik und Philosophie. Nach ihrem Abschluss zog es sie nach Italien. Sie lehrte an der Universität in Udine und Verona, wo sie heute als Professorin am Fachbereich Germanistik arbeitet. Trotz der langen Zeit in Italien, hat sie den Bezug zu Österreich nie verloren. Sie forscht zu österreichischer Literatur, deutscher Literatur des 19. Jahrhunderts und die Methoden zeitgenössischer Literaturkritik. Sie veröffentlichte Bücher und Essays über Adalbert Stifter, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann und Robert Musil. Ihre Kurse über die moderne und zeitgenössische österreichische Literatur und Kultur hält sie alle auf Deutsch.